Freiflächen-PV: Wie man gegen fehlende Netzkapazitäten vor Ort vorgeht

Freiflächenfotovoltaik: Fehlende Netzkapaziäten vor Ort – Und was dagegen getan werden kann. Ein Erfahrungsbericht mit praktischen Tipps aus Bad Dürrheim.

Ein Nadelöhr für die Energiewende und was dagegen getan werden kann

Ein Erfahrungsbericht aus Bad Dürrheim

Obwohl die Bereitschaft von Besitzer*innen landwirtschaftlicher Flächen und Kommunen, die die baurechtlichen Voraussetzungen schaffen, für Freiflächenfotovoltaik wächst, scheitert die Umsetzung oft an den fehlenden Kapazitäten im Mittelspannungsnetz.

Dies führt zu der absurden Situation, dass Anlagen, die dringend für die Energiewende gebraucht würden, zwar baurechtlichen genehmigt sind und Projektierer und Investoren in den Startlöchern stehen, aber die Energieversorger keine geeigneten Übergabepunkte in erreichbarer und (wirtschaftlicher) Entfernung mit ausreichenden Kapazitäten zur Verfügung stellen können. Das Ergebnis: die Anlagen liegen „auf Eis“, obwohl sie für die Energiewende gebraucht werden.

Ein Grund für diese Entwicklung ist die Tatsache, dass bisher jede einzelne Anfrage bezüglich Einspeisung separat geprüft und beschieden wurde. Eine Erfassung der grundsätzlich für Freiflächen PV in einem Gebiet geeigneten und nachgefragten Flächen erfolgt bisher meist nicht. Dies kann aber eine wichtige Voraussetzung für ein systematisiertes Vorgehen sein und den Netzbetreibern eine gesamthafte und erfolgversprechende Herangehensweise ermöglichen!

Wir haben auf der Gemarkung Bad Dürrheim gemeinsam mit unserem Netzbetreiber Netze BW versucht, Schritte in dieser Richtung zu gehen. Erste Erfolge zeichnen sich ab:

Schritt 0:  Auf Initiative der Projektgruppe „Bad Dürrheim KLIMAAKTIV“ (Koordination der Klimaschutzaktivitäten in der Stadt) stellte der Netzversorger die bisherige Abdeckung des Strombedarfs von Bad Dürrheim mit Erneuerbaren im Rat dar. Zu Überraschung vieler Stadträte liegt dieser Anteil deutlich unter 40%. Die Notwendigkeit zum Ausbau war allen klar.

Schritt 1: Erstellung einer Übersicht über geeignete Flächen. Diese wurden hier erstellt durch das Umweltbüro Donaueschingen (Dr. Gerhard Bronner). Er prüfte dabei im Vorfeld sowohl die grundsätzliche Akzeptanz durch den Landwirtschaftsverband, als auch ökologische und landschaftsbezogene Aspekte ab.

Schritt 2: In Gesprächen wurde auf die Besitzer*innen der Grundstücke zu gegangen, um deren konkrete Bereitschaft zu eruieren. (Im Fall Bad Dürrheim wurde dies mit Unterstützung der Stadt durch die Projektgruppe „Bad Dürrheim KLIMAAKTIV“ umgesetzt.)  Dies ergab alleine  in den ländlichen Stadtteilen Bad Dürrheims eine Gesamtfläche von 40-60ha, was 40-60MW Gesamtstromproduktion ermöglichen würde. (Rechnerisch komplette Eigenversorgung des Stadtgebietes.)

Schritt 3: Die Ergebnisse der Recherchen wurden der Regionalstelle der Netze BW in Tuttlingen übergeben, mit der vorher schon ein enger Gesprächszusammenhang über die Vorgehensweise hergestellt worden war. Netze BW fertigte nun innerhalb von 2 Monaten eine Netzstudie über die Anschlussmöglichkeiten dieser Anlagen an das Mittelspannungsnetz.

Schritt 4: Vorstellung der Netzstudie intern gegenüber Stadtverwaltung und Projektgruppe. Ergebnis war, dass die Erstellung eines neuen Umspannwerkes in räumlichem Zusammenhang mit der bestehenden 380kv Leitung der Transnet notwendig ist. Dadurch könnte bei entsprechender Platzierung der Anlage fast alle der angedachten Anlagen errichtet und angeschlossen werden.
Parallel lief die Suche nach einem geeigneten Platz für das Umspannwerk (Möglichkeiten für eine Fläche von ca. 30 x 30 m zeichnen sich ab.).

Schritt 5: In Gesprächen zwischen Transnet (Hochspannung) und Netze BW wurde die Thematik erörtert und es hat mittlerweile innerhalb weiterer 6 Wochen Anfang Oktober grünes Licht gegeben. Jetzt wird final der Standort gefunden.

Zwischenfazit: Durch das koordinierte Vorgehen konnten alle Akteure transparent ins Boot geholt werden und es wird hoffentlich gelingen in einem Zeitraum von knapp 2 Jahren eine Lösung für die Nachfrage nach Freiflächen-PV zu finden. Bereits zum Zeitpunkt des endgültigen Beschlusses über das Umspannwerkes können Interessenten für Freiflächen die Einspeisung beim Netzbetreiber beantragen und dann auf gesicherten Grundlage die planerischen Vorarbeiten beginnen sowie die baurechtlichen Voraussetzungen zusammen mit der Gemeinde schaffen. Das Nadelöhr lässt sich so öffnen.

Kontakt: Wolfgang Kaiser, Stadtrat in Bad Dürrheim > Mailkontakt

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